Brocken im Winter

Was macht der Mountainbiker im Winter, wenn es schneit und friert? Richtig, er fährt Mountainbike! Und damit sich das Frieren auch richtig lohnt, haben wir uns den Brocken ausgesucht.
Heute früh um vier Uhr (!) war Abfahrt in Uetze Richtung Harz. Wir wollten um halb sechs am Torfhaus losfahren und von dort aus zum Sonnenaufgang auf den Brocken hoch.
Allein die Anfahrt zum Torfhaus hoch war schon speziell. Die Nacht über hat es weiter geschneit und von Grip auf der Straße konnte nicht die Rede sein (wer fährt auch schon um fünf Uhr morgens zum Torfhaus hoch…). Wie sollte das erst nachher auf den Bikes sein? Im Auto wärmte noch die Sitzheizung, aber bei jedem Meter, den wir uns dem Startpunkt näherten, ging die Temperaturanzeige in den Keller. Auf dem Parkplatz vor dem Besucherzentrum zeigte das Thermometer dann frostige Minus sieben Grad! Nicht erst jetzt hatte ich leichte Zweifel, ob das eine gute Idee war. Bis die Bikes zusammengeschraubt und die Lampen installiert waren, bekamen wir einen leichten Vorgeschmack von dem, was uns kältemäßig gleich erwarten sollte.
Hilft nix, jetzt sind war da, jetzt fahren wir auch. Am Resort vorbei haben wir die ersten paar Meter unter die Stollen genommen. Erste Erkenntnis der Nacht: Semislicks am Hinterrad sind nur die zweitbeste Wahl, wenn man im Tiefschnee fahren will… Links in den Wald und dann dem Hexensteig folgend haben wir uns nach ein paar Minuten an das rutschige Fahrgefühl gewöhnt. Die Lampen lassen den Wald erstrahlen und bis auf das Knirschen der Reifen im Schnee ist kein Mucks zu hören. Wäre der Untergrund nicht so tückisch, könnte man fast dabei entspannen. Der Schnee liegt mehr als als knöcheltief und daher kann man den Untergrund eher ertasten als erkennen. Das Hinterrad rutscht regelmäßig weg (ja, auch wegen der falschen Reifen…).

Fährt man zu langsam, sinkt man in den Schnee ein und kommt kaum von der Stelle. Dem richtigen Tempo steht allerdings die Steigung gegenüber… Da uns keiner hetzt, legen wir regelmäßig Pausen ein.
Im weiteren Verlauf kommen wir an einer Schutzhütte vorbei. Schon einige Meter davor können wir dort Lichter erkennen. Als wir die Hütte passieren, stehen da einige Wanderer und machen Pause. Beruhigend, dass wir nicht einzigen Bekloppten sind, die um die Uhrzeit und bei dem Wetter zum Brocken hoch wollen. Irgendwann geht es wieder links weg und wir stehen gefühlt vor einer Wand. Ohne Schnee ist es wohl nur ein Waldweg, aber die Steigung und der rutschige Untergrund zwingen uns zum Schieben. Immerhin ist uns nicht mehr kalt, der Puls liegt konstant über 100. Eine Brille braucht auch keiner mehr, meine hat eine Millimeter dicke Eisschicht auf den Gläsern, ab in den Rucksack damit. Zweite Erkenntnis der Nacht: Trinken wird überbewertet. Zwar schwappt der Tee in der Trinkblase vom Rucksack gewärmt vor sich hin, allerdings ist der Schlauch und das Mundstück wohl gleich nach dem Start eingefroren. Eis lutschen geht, aber bringt nicht so viel…
Unser Weg trifft dann irgendwann auf die Schienen der Brockenbahn. Zumindest erkennt man an den Schildern, dass hier theoretisch eine Bahn fährt. Vom Gleisbett ist unter dem Schnee nichts zu erkennen. Ab hier folgen wir ein großes Stück den Schienen weiter nach oben. Der Weg wird wieder schmaler und da es links teilweise schon etwas tiefer und steiler runtergeht, ist wieder mehr Konzentration angesagt.

Ganz zaghaft lassen sich die ersten Baumwipfel auch ohne Lampe erkennen, der Tag beginnt. Prompt kommt Licht von hinten. Während ich noch kurz verwirrt bin, wer von meinen Mitfahrern hinter mir sein soll, grüßt mich ein hagerer Senior laufenden Schrittes und joggt (!!!) an mir vorbei. Der ist den Weg zum Brocken schneller hoch gejoggt, als wir nachher vermutlich bei dem Untergrund runterfahren… Zwei Kilometer unter dem Gipfel biegen wir auf die Straße ab. Hier ist wenigstens geräumt und gestreut, allerdings teilweise auch so steil, dass Laufen/Schieben fast schneller geht. Jetzt fängt auch der Nebel an und je näher die Baumgrenze rückt, wird es gefühlt nochmal kälter. Der Tag ist nun schon deutlich zu erkennen. Rechnerisch haben wir noch 30 Minuten bis zum Sonnenaufgang, aber die Sonne werden wir so oder so nicht zu sehen bekommen. Die ersten Lichter des Bahnhofs tauchen im Neben auf und die Aussicht auf einen Kaffee im Brockenhotel treibt uns nochmal auf den letzten Metern an. Der Nebel ist so dicht, dass wir den Turm erst erkennen, als wir quasi direkt davor stehen.

Erstmal in die Schutzhütte und sammeln. An der Stelle hatten wir auf einen Kaffee gehofft, aber die Gastronomie und deren anwesende Vertreter wollten lieber putzen. Die Wanderer, die wir im Wald überholt hatten, kamen kurz nach uns ebenfalls oben an und hatten auch auf was Warmes gehofft.
Da es keine Aussicht oder Kaffee gab, hatten wir auch keinen Grund noch länger zu bleiben und wollten direkt die Abfahrt in Angriff nehmen. Während der Rast sind meine Bremsen eingefroren, auf den ersten Metern musste ich wie früher auf dem Laufrad mit den Füßen bremsen. Meine Teleskopsattelstütze hat irgendwann schon vorher den Dienst quittiert und eisern in der niedrigsten Stellung verharrt. Ich kann es ihr nicht verdenken, bei der Kälte wäre ich auch nicht rausgekommen… Gabel und Dämpfer hatten auch nur noch rudimentäre Funktion und auf den Bremshebeln hatte sich eine dicke Eisschicht gebildet, was die Griffigkeit nicht gerade erhöht hat.
Immerhin war es mittlerweile so hell, dass wir auf die Lampen weitestgehend verzichten konnten und so schlitterten wir wieder den Berg runter. Was Licht doch alles ausmacht. Obwohl es die gleiche Strecke wie auf dem Hinweg war, wirkte der Wald jetzt im Hellen komplett anders.


Die Aussicht auf Frühstück und Kaffee am Torfhaus sorgte dafür, dass wir nicht mehr viele Stopps machten. Beim Wiedereintritt in die Zivilisation machte sich, wie beim Wechsel von Nacht auf Tag, ein großer Unterschied bemerkbar. Waren wir morgens um fünf noch die einzigen auf dem Parkplatz, tummelten sich dort jetzt gefühlt hunderte Menschen in Rodel-/Skikleidung. Wir ernteten mehr als nur einen skeptischen Blick ob unseres Aufzuges. Zurück am Auto wurden die Bikes schnell verpackt, die Eisschicht zog sich nun teilweise über das ganze Rad.

Danach haben wir uns endlich den warmen Kaffee und ein ausgiebiges Frühstück gegönnt.

Und während die anderen um uns rum ihren Tag erst begonnen haben, konnten wir wieder einpacken und nach Hause fahren.

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